orakel im 21. jahrhundert

Erkenne dich selbst!

Wer den Tempel des berühmtesten Orakels der europäischen Antike – Delphi – betrat, wurde mit einer Inschrift aufgefordert, die mitgebrachten Fragen und Anliegen, für deren Beantwortung und Lösung man einen oft wochenlangen, beschwerlichen Weg in die phokischen Berge auf sich genommen hatte, unter eine andere Frage, die zentrale Frage schlechthin zu stellen: Wer bin ich? Mit »γνῶθι σεαυτόν (gnôthi seautón)«, also »erkenne Dich selbst« begrüßte der Gott, der durch das Orakel sprach – Apollo (bis zum 5. Jahrhundert v. Chr. allerdings die Erdgöttin, die Erde als Göttin: Gaia) – die Pilger. Wir, die wir also das Orakel befragen wollen, werden so gegrüßt, nicht zurechtgewiesen, wir sind eingeladen, unser Fragen zu vertiefen, zu verlängern, zu erweitern, zu sammeln.

Rätselhaft, aber kein Rätsel

Die Antworten des Orakels (hier in der Orakeley, aber auch in den verschiedenen Traditionen) sind rätselhaft und bedürfen der Interpretation. Diese Deutung aber ist nicht das Entschlüsseln, das Lösen eines Rätsels als einer Aufgabe, zu der es genau eine Lösung gibt, sondern das Entfalten der vielen Bedeutungen, die im Orakelspruch stecken.
Ein Orakel ist notwendiger Weise mehrdeutig und undeutlich, ist also rätselhaft, aber kein Rätsel. Die Interpretationsbedürftigkeit ist kein Mangel, sondern der Sinn des Orakels, sein Reichtum.
Gibt es aber richtige und falsche Auslegungen des Orakelspruchs?

»Wahr spricht, wer Schatten spricht«

Orakel – und wir sprechen nun nur noch von den hier in der Orakeley versammelten Orakel – machen keinen Sinn, wenn sie auf Fragen antworten sollen, die anders leicht und eindeutig zu beantworten wären. Eine Frage, deren Beantwortung einfach richtig oder falsch sein kann, ist keine Frage, die wir sinnvollerweise einem Orakel stellen. Im Gegenteil, eine unkonkrete, eine offene Fragehaltung verspricht die interessantesten Auseinandersetzungen mit dem daraus folgenden Spruch: denn die Wahrheit des Spruchs entsteht erst in unserer Deutung, im Nachspüren der Bezüge, im Begreifen des Sinns, im Hören der Nuancen. Im Verstandesgebrauch lassen sich zwei Methoden, zwei Wege unterscheiden. Ein sprechendes Denken, in dem wir unsere Gedanken formulieren, in dem wir Worte und Begriffe suchen und verwenden, ein Denken, in dem wir Gelerntes zur Anwendung bringen, Werkzeuge der Logik, der Analyse verwenden. Ein anderes Denken ringt uns zunächst ein Schweigen ab: wir hören zu. Im Hören werden wir verstehen und werden vielleicht in einen verstehenden Dialog mit dem Gehörten (oder Gelesenen) eintreten, aber wir werden immer wieder zurückkommen und im Hören versuchen, den oder die Gedanken zu finden, die im Gehörten stecken. Und umsomehr werden wir das tun, wenn sich das Verstehen nicht als selbstverständlich aufdrängt. Ein solches hörendes Denken wird sich als lohnend etwa bei der Lektüre von Gedichten erweisen. Und Hörendes Denken ist schließlich genau jenes Denken, das der Aufforderung »Erkenne Dich selbst!« am fruchtbarsten folgt.
Das Zitat der Zwischenüberschrift ist Paul Celans Gedicht »Sprich auch du« entnommen.

»Schweigen. Stiller Weg. Der Blinde vergeht.«

Ein Orakel ist eine Methode, ein Weg: in ein Gespräch mit sich selbst zu kommen, mit dem Unbewussten, dem Intuitiven. Ein Weg zur Kreativität, weil wir im Deuten Bedeutung hervorbringen, erschaffen. Ein Weg, auf dem Tun und Lassen eine Balance erfordert. Schweigen ist ein Teil der Methode: daher ist der Weg ein stiller, der blindes Geschwätz überwindet.
Das Zitat der Zwischenüberschrift oben war ein Spruch der Orakels o1 am 5.12.2020 um 9:18.

Wer spricht im Orakel?

Es ist eine herausfordernde mathematische Übung, einem Computer den Zufall abzuringen: der beherrscht nur das genaue und folgerichtige Rechnen, aber nicht den Zufall, ihm fehlt ein »Würfel-Modul«. Unseren in PHP programmierten Orakeln liegt der Ende der 90er-Jahre von Makoto Matsumoto und Takuji Nishimura entwickelte Algorithmus, den sie »Mersenne Twister« nennen, zugrunde. Die so errechneten Zufallszahlen des MT-Algorithmus sind streng genommen auch nur pseudozufällig. Sie sind aber gut getestet und eignen sich hervorragend für unsere Orakel. Nichts anderes als dieser »Zufall« steckt hinter unseren Orakeln.­­­­­­­

Spiel! Im Ernst?

Kann man ein Orakel befragen und den Spruch, wenn er einem nicht passt oder undeutbar scheint, einfach verwerfen? Ja. Denn das Orakel ist überhaupt nur ganz, wenn wir es deuten. Die Praxis des Deutens schwebt zwischen spielerischer Freiheit und dem Ernstnehmen einer Offenbarung. Auch wenn es jedem Einzelnen unbenommen bleibt, hinter dem Orakel Gott, eine Göttin, einen Ahnen, einen Engel, einen Geist, das Sein oder wer oder was auch immer zu vermuten, wollen wir hier nocheinmal klarstellen: zunächst steckt hinter dem Orakel nur Code.

Zum Orakel o1

Unser erstes Orakel, das in einer ersten Version 2004 veröffentlicht wurde, orientiert sich in seiner Struktur am Yìjīng (nach älteren Umschriften auch I-Ging und andere, sprich: »i dsching«), dem Buch der Wandlung, dem ältesten chinesischen Text überhaupt, eine Sammlung von 64 Zeichen (eines 6-bit-Binärcodes) und diesen Zeichen zugeordneten Sprüchen. Vor allem die Übersetzungen von Richard Wilhelm und Dominique Hertzer waren eine inspirierende Quelle und seien unseren Besucherinnen und Besuchern ans Herz gelegt.

Die Sprüche des Orakels o1 erscheinen in 8.930.400 Variationsmöglichkeiten.